Meine Meinung

© 2020 Friedrich Haugg

Ich denke viel nach. Um sicher zu gehen, will ich auch wissen, was andere denken. Google. Schön diese neue Vielfalt. Aber viel Blödsinn dabei, natürlich. Da muss man zu unterscheiden wissen. Offensichtlich was Falsches angeclickt. Halt. Das ist gut. Der hat Ahnung. Stimmt genau. Und eine Autorität ist er auch, merkt man beim Lesen.

Das nennt man Echokammer. Ein äußerst gefährliches Syndrom. Bis hin zu abstrusen Verschwörungstheorien.

Kann ich nicht selber denken? Schon, aber nicht nur mit reiner Logik. Denn der Mensch ist ... lassen wir es Kant sagen. Kant, Immanuel, vor 250 Jahren. Sehr überzeugend der Mann, meine Meinung.

Der Mensch jedoch schöpft die Bestimmungsprinzipien seines Willens nicht allein aus Vernunft, er ist kein rein vernünftiges Wesen, sondern ein teilvernünftiges, ein mit einem sinnlich-affizierten Willen ausgestattetes partielles Vernunftwesen.

Das, was außer der Vernunft noch seinen Willen bestimmt, sind nach Kant die Neigungen, Komponenten unserer sinnlichen Veranlagung, die auf dem Gefühl der Lust und Unlust beruhen (Wikipedia).

Aha. Eine Meinung gefällt mir nicht, heißt also, dass sie in mir keine intellektuellen Lustgefühle weckt. Kann gut sein.

Zeit zu hinterfragen, was mein Lustgefühl weckt und was nicht und vor allem, warum das so ist. Und noch wichtiger: Entspricht das wirklich meinen Vorstellungen und habe ich überhaupt eigene?

Er hat schon wieder eine Antwort, der Kant: Die Unmündigkeit. Schärfer heißt das, wir sind konditioniert worden. Wir können nur das mögen, was uns eingepaukt wurde.

Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich ein Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.

Übersetzt: Habe ich genügend unterhaltende Trash - Formate, Werbung, einen Yoga- oder sonstigen Guru, genügend Vorschläge, wie gesundes Leben geht und App - Überwachung bei meinem Fitness - Training, so brauche ich mich ja nicht selbst bemühen. Ist ja auch gar keine Zeit mehr übrig.

Kant nennt die Unmündigkeit beim Namen:

Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Und nun? Eine gute Möglichkeit ist LESEN. Nicht Tweets, sondern ganze Bücher. Von klugen Leuten aus deren Zeit und Gesichtspunkten. Könnte Ihren auf Konsum eingeschränkten Horizont erweitern.

Das Folgende ist von Wilhelm Herschel, einem Astronomen, der z.B. den Uranus entdeckt hat. Er ist 1822(!) gestorben.

'Wer keine Bücher liest, ist ein armseliger Ignorant, dessen Unterhaltung, wenn sie überhaupt so genannt werden kann, weiter nichts ist als ein bedeutungsloses Geschwätz über seine Person, Geschäfte, kleine Leiden und seine Bekannten.'

Konditioniert zum Konsum heißt leider auch, erzogen zur ständigen Unzufriedenheit, sonst funktioniert das mit dem Konsum ja gar nicht. Unzufriedenheit hat aber ein grausiges Potential. Es kann aus friedfertigen, lieben Menschen nörgelnde Besserwisser machen, die andere dauernd maßregeln.

Das habe ich bei Fred Vargas gelesen:

Aus einer großen Unsicherheit wird Verwirrung und Zweifel. Dann kommen die Ratgeber, die uns überzeugen. Und es entwickelt sich Gewissheit. Daraus entsteht Strenge. Gegen sich selbst und andere. Perfektion ist der Ausweg. Ein Gefühl der Unfehlbarkeit entwickelt sich. Die Unduldsamkeit gegenüber anderen wächst und endet in Erbarmungslosigkeit.

Ach ja. Falls von Interesse, meine Lieblingsautoren: Fred Vargas, Andrea Camillieri, Antoine de Saint - Exupéry, Tolkien, Robert Harris. Für Leute mit Freude an der Sprache: Shakespeare, Goethe, Thomas Mann. Und jetzt noch etwas für philosophisch Interessierte: Konrad Lorenz (ja der) und Karl Popper.

Viel Spaß beim Lesen.


Weitere Textschnipsel, wenn Sie gerade nichts zu tun haben.

Immer wieder frage ich mich: Was ist los mit dieser Welt? All diese Mißgunst und dieses Besserwissen und dieses Maßregeln, im Großen wie im Kleinen.

Zwei Gründe fallen mir ein: Niemand gibt allgemeine, für alle gültige Ziele vor, so wie es früher die Kirche oder später Diktatoren gemacht haben. So hat jeder sein eigenes Weltmodell und meint, es durchsetzen zu müssen. 'Alle Menschen sind gleich' wird falsch verstanden. Das bedeutet nämlich nicht, dass jeder Chef von allen ist. Möchten auch die meisten nicht wirklich sein. Chef sein ist mit viel Verantwortung verbunden, das angenehme Anschaffen ist der geringste Teil der Arbeit.

Der zweite Grund ist versteckter: Es ist die Unzufriedenheit über die Unmündigkeit.

Klingt merkwürdig. Aber Kant hat es gesehen. Ja, richtig. Dieser Kant, Immanuel. Vor 250 Jahren.

Da ist es schwer, mündig zu bleiben. Von einer Gestaltung der Zukunft nach eigenen Wünschen ganz zu schweigen. Alles ist vorgegeben. Sie sind schon findig, die Anbieter, um ihren Umsatz zu erhöhen. Bis ins buchstäblich Letzte sind sie eingedrungen.

Lesen Sie, was Kant zu der Unmündigkeit noch zu sagen hat:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Also kurz mal innehalten und nachdenken. Nachdenken, selber. Das ist heutzutage nicht leicht, zugegeben. Zumal auch folgendes bedacht werden muß (schon wieder er, der Kant):

Eigene Launen und Taten unter diesem Gesichtspunkt zu verstehen, ist der erste Schritt, sich selber besser zu fühlen.

Wenn ihnen das zu kompliziert ist, schauen Sie doch 'Bachelor in paradise' oder GNTM oder DSDS in Ruhe an, aber gehen Sie nicht anderen mit ihrer Mißgunst und ihrem Maßregeln auf den Wecker.


Voriger Text:

Natürlich war früher nicht alles besser. Eher viel schlechter, insgesamt gesehen. Aber es gab Zeiten, da war eines auf jeden Fall besser: die Zukunft.

Zum Beispiel, als eine Menge technischer Errungenschaften real wurden. Das Auto, das Flugzeug, die Haushaltsgeräte zum Beispiel. Als es deutlich wurde, dass Maschinen die schwere körperliche Arbeit ersetzen würden.

Es war aber nicht nur das. Alle hatten das gleiche Ziel: Ein wunderschönes, abgesichertes Leben in einer wunderbaren Gemeinschaft. Die Sache hatte einen Haken. Der Anführer und geistige Urheber war zwar glaubhaft und sehr konkret, hatte aber andere, völlig gewissenlose, verbrecherische Ziele. Und er hat alle modernen Mittel eingesetzt, sein Volk zu konditionieren. Davon erzählt mein Buch 'Zehn gute Jahre'.

Heute machen wir es solchen Leuten schwer, die Macht zu erlangen. Hoffentlich. Heute werden wir durch eine Reihe von Konzernen zu Konsumjunkies konditioniert. Da ist nicht ein einzelner Anführer. Die Macht resultiert aus einer stillschweigenden Übereinkunft: Der Mensch soll ständig unzufrieden sein. Nur so kauft er immer weiter. Wollte man das ändern, bräche das gesamte Wirtschaftssystem zusammen mit schrecklichen Folgen: Armut, Hunger, Krieg. Das ist leider nicht übertrieben.

Ich habe keine Lösung. Außer, dass wir weiter konsumieren, aber mehr orientiert, an dem, was wir wirklich wollen. Wenn wir das nur wüssten.

Mangels eines geistigen Anführers müssen wir unser Weltbild aus einer unüberschaubaren Vielfalt von Angeboten selbst zusammenschustern. Und daraus dann die gewünschte Zukunft ableiten. Das ist gar nicht mehr so einfach. Und vor allem: Die Anderen machen nicht mit, weil sie sich etwas Eigenes ausgedacht haben.

Kurz innehalten und zurückbesinnen auf das, wovon man schon als Jugendlicher geträumt hat. Als die Zukunft noch richtig gut war. Freies Reisen und Kennenlernen anderer Kulturen zum Beispiel in einem Wohnmobil. Das war so ein Traum. Pustekuchen, geht nicht mehr, ausgeträumt. Ich meine gar nicht die Tatsache, dass diese Dinger sauteuer sind und die anderen Kulturen besser in München als vor Ort zu erleben sind. Es ist überhaupt nicht mehr möglich, damit frei zu reisen. Erst einmal darf man so gut wie nirgends frei übernachten. Eingepfercht in Campingplätze mit unangenehm nahen Nachbarn, zahlt man dafür heute mehr als für eine ordentliche Hotelübernachtung. Und wenn man sich wirklich getraut hatte, frei zu übernachten an einer wunderschönen Stelle, wurde man gnadenlos ausgeraubt. Scheißzeiten.

Also suchen wir neue erstrebenswerte Dinge. Zu den selbsterklärten Innovationen in diesem Jahr gehören etwa eine Toilette mit Sitzheizung und Alexa-Sprachassistent, ein Drucker für temporäre Tattoos, eine Windel, die per App ihre Feuchtigkeit übermittelt. Hahaha. Ich will auch nicht, dass mir eine Software das Autofahren abnimmt, meine Daten an die Versicherung übermittelt, damit diese die Prämien erhöhen kann und ich will auch nicht, dass mir irgendein Automat gesundes Essen ins Haus bestellt. Das ist definitiv nicht mein Traum von der Zukunft.

Irgendwie ist mit dem phantastischen Smartphone die Zukunft zu Ende gegangen. Bis zu einem neuen Wurf. Keine Ahnung, was das sein soll. Das ist das Dilemma.

Was aber immer lohnt, ist sich gegen die ebenfalls konditionierte Verdummung aufzulehnen. Statt seine Zeit mit den miesen Formaten wie 'Bachelor' oder 'Dschungelkamp' kritiklos zu verplempern, empfehle ich das Lesen. Auch wenn's schwer fällt, den bunten, bewegten und lauten Bildern zu entkommen. Bildung würde übrigens auch das Zwischenmenschliche verbessern.

Das Folgende ist von Wilhelm Herschel, einem bedeutenden Astronomen, der wesentliche Entdeckungen, z.B. den Uranus gemacht hat. Er ist 1822 (!) gestorben.

'Wer keine Bücher liest, ist ein armseliger Ignorant, dessen Unterhaltung, wenn sie überhaupt so genannt werden kann, weiter nichts ist als ein bedeutungsloses Geschwätz über seine Person, Geschäfte, kleine Leiden und seine Bekannten.'


Text vom Vorjahr:

© 2019 Friedrich Haugg

Ich weiß ja nicht, was Sie alles mit den neuen Errungenschaften machen,

aber ich kann mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Früher hatten wir auf einen Meter fünfzig den 12-bändigen Brockhaus und einen Zusatzband. Sollte man etwas gefunden haben, war es nicht mehr aktuell, außer man suchte nach Goethe.

Wo ist die nächste Telefonzelle und habe ich genug Münzen? Ein Notfall sollte es lieber nicht sein. Wie war doch gleich die Nummer?

Ein gelungener Schnappschuss. Entwickeln und Vergrößern lassen... nein, das nicht mehr. Ausdrucken, dann in einen Brief stecken. Schon nach ein/zwei Tagen wird der Freund es haben... What's App ist fantastisch.

Überhaupt, das Smartphone: Telefon natürlich auch, ein Schachcomputer, ein Navi, Wetterradar, Bildergalerie, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Wasserwaage, Taschenlampe, Nachrichten, Internet, meine Güte...

Google und Facebook, alles kostenlos. Großartig.

Schon mal darüber nachgedacht, welcher Aufwand hinter der Bereitstellung dieser Leistungen steckt? Die Software, die Rechenzentren, die Netze? Und wir nutzen das alles kostenlos, wie die Luft zum Atmen.

Deren Geschäftsmodell zu zerstören hieße, all diese wunderbaren Dienste vernichten.

Keiner will das wirklich. Also ich bestimmt nicht.

Ich plädiere für Gelassenheit. Gelassenheit, solange der Nachteil darin besteht, dass ich blöde Werbung sehe für Dinge, die ich ohnehin schon gekauft habe.

Fängt aber irgend jemand an, mein persönliches Verhalten zu analysieren, um mich dann mit Repressalien verändern zu wollen, dann hört der Spaß auf. Das chinesische Sozialpunktesystem ist das Perfideste, was sich Menschen ausdenken können. Ausgedacht wurde das schon bei Hitler oder in der DDR, nur mussten die es sehr teuer und unzuverlässig mit Millionen von Menschen mit Blockwartcharakter einkaufen. Dazu braucht man heute fast niemanden mehr. Es ist aber noch schlimmer, weil Algorithmen aufpassen. Die sind per se 'unmenschlich' ohne Toleranz und Mitgefühl. Sie packen individuelle Menschen in ausgedachte Schubladen und behandeln sie danach.

Wissen Sie, was ich dabei am Beunruhigendsten finde? Die Menschen machen freiwillig mit und sind auch noch begeistert. So viel Dummheit kann es doch gar nicht geben, oder?

Was kann man dann noch tun?

Frühzeitig die Zeichen erkennen. Der Tracker am Armband ist lustig. Sie können am Abend aus den gesammelten Daten ihrer Cloud analysieren, was Sie so den ganzen Tag gemacht haben. Wenn er aber sagt, dass Sie heute noch nicht genügend trainiert haben, beginnt es problematisch zu werden. Denn dann ist der nächste Schritt nicht mehr weit. Ihre Versicherung wird ihre Prämien anpassen. Schließlich sollen doch nicht andere für ihr schlechtes Verhalten bezahlen müssen.

Ihr Auto hat dieses GPS, mit dem man Sie sofort findet, wenn Sie eine Panne oder einen Unfall haben. Gute Sache. Allerdings kann man ganz leicht auch protokollieren, wo sie und wie schnell Sie mit ihrem Auto waren. Beim Überführen von Verbrechern nicht schlecht. Bezahlen ohne Bargeld? Praktisch. Immer flüssig und keiner kann Ihnen Geld stehlen. Dass Big Brother über jedes Brötchen genau Bescheid weiß, ist aber nicht unbedingt beruhigend. Was kann man aus diesen Daten alles machen. Fantastisch. Zum Beispiel, Ihre Ernährungsgewohnheiten analysieren und Ihnen bessere Vorschläge machen.

Die Quintessenz: Das Potential zum Machtmissbrauch ist exponentiell gewachsen. So leicht hatten es Hitler und die DDR nicht. Und die waren schon sehr, sehr schlimm.

Mein Vorschlag? Lassen sie sich nicht komplett vernetzen und verzichten Sie auf Dinge, die ihr Leben nicht wirklich besser machen. Ihr Haus muss nicht automatisiert werden, Ihr Auto sollte lieber nicht autonom fahren (was übrigens auch ziemlich lebensgefährlich ist) und Ihre Lebensgewohnheiten gehen aus gutem Grunde keinen etwas an. Und fallen Sie nicht auf jeden Hype herein. Rauchen ist tödlich, Nichtraucher sollen nicht für diese haltlosen Menschen zahlen müssen. Stimmt doch, oder? Und dann auch noch das tödliche Passivrauchen. Alkohol trinken ist tödlich, Nichttrinker sollten nicht... Fett essen ist tödlich, Nichtfettesser sollten nicht... Unsportlich sein ist tödlich, regelmässige Jogger sollten nicht... Künstler sind nutzlos, ordentlich Arbeitende sollten nicht... Radfahrer überanstrengen sich dauernd und erleiden die meisten Unfälle, Nichtradfahrer sollten nicht... Halt. Nein. Radfahrer sind eine viel zu interessante Konsumgruppe. Eine mit gutem Gewissen. Das sind die, die man am Leichtesten überreden kann, Geld auszugeben.

Am Ende verhalten sich alle gleich und machen alle das Gleiche. Und die ganzen Gleichen passen auch noch auf, dass die anderen auch wirlich das Gleiche machen. Schöne neue Welt.

Übertrieben? Leider nicht. Aber so lange wir noch in einer Demokratie leben, die sich nicht auf demokratische Weise selbst abgeschafft hat, haben wir das Heft noch in der Hand.

Demokratie demokratisch abschaffen? Geht nicht? Geht doch. Gab's schon einmal: In der sogenannten Weimarer Republik. Kennen Sie nicht? Sollten Sie aber.

Noch etwas: Den ganzen Tag bei jeder Beschäftigung diese unsägliche bumm, bumm, bumm - Musik hören ist sehr, sehr schädlich fürs Gehirn und für den Menschen insgesamt. Der Schaden kommt schleichend und ist gewaltig. Geräusche müssen zur Umgebung passen, sonst werden wir verrückt. Sie müssen auch nicht rund um die Uhr erreichbar sein oder mit Flatrate den ganzen Tag schwätzen. Ist auch nicht gut für Sie.

Glauben sie alles nicht? Steht Ihnen frei. So lange wir noch nicht in einer Diktatur sind. Weit entfernt ist sie nicht. Sie kommt nur anders daher. Konditionierung funktioniert heute ganz schön raffiniert.


Noch ältere Textschnipsel von mir:

Verstehen Sie die Welt auch nicht mehr?

Zu ihrer Beruhigung: Keiner kann die Welt verstehen. Die Mathematiker wissen wenigstens warum. 'Nichtlineare, rückgekoppelte Systeme' bestimmen das Geschehen und sie sind nicht vorhersagbar. Mit einfachen Worten: Es herrscht das pure Chaos.

Ein klitzekleines Beispiel gefällig? Was das untere Pendel macht, ist nicht vorhersagbar. Seine Bewegung ist chaotisch. Wenn wir etwas so Einfaches nicht verstehen können, wie kann man dann glauben, wirklich wichtige Dinge zu beeinflussen? Nicht einmal das Wetter werden wir genau vorhersagen können. Nicht, weil uns noch die Techniken fehlen, sondern weil es grundsätzlich nicht vorhersagbar ist.

Der Blick in die Kristallkugel ist einfach zu verführerisch. Mit immer raffinierteren Techniken und Technologien versuchen wir, die Welt zu beherrschen. Beherrschen heißt, jetzt das Richtige tun, damit die Zukunft so wird, wie wir wollen.

Die Technik hat unser Leben ganz entscheidend besser gemacht. Ja, auch das Internet mit Google und Facebook (What's App) und Amazon und das Schweizer Taschenmesser Smartphone. Wie schon immer kommt es aber darauf an, was wir damit machen. Man kann das durchaus mit der Entwicklung von Fahrzeugen, Flugzeugen, der Funktechnik, dem Sprengstoff oder der Atomenergie vergleichen.

Und was machen wir schon wieder damit? Akribisch suchen wir nach Möglichkeiten, diese wunderbaren Dinge zu missbrauchen, um Macht auf andere auszuüben. Diesen verdammten Trieb in unseren Genen können wir offensichtlich nicht überwinden.

Die Mathematiker können aber auch Beruhigendes sagen. Man kann die Welt in einen Zustand führen, der etwas stabiler ist, in dem nicht der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tornado auslöst, um das (eigentlich falsche) Bild zu bemühen. Auch, wenn sich Politiker dessen nicht bewusst sind, genau das wäre ihre Aufgabe, wenn sie es richtig machen wollen.

Wenn sie Wortführern lauschen, sollten Sie zwei Dinge im Auge behalten: Wenn sie einfache Lösungen haben, sind sie einfach nur dumm oder wollen Sie für blöd verkaufen und für ihre Interessen missbrauchen. Zum Zweiten sollten sie immer im Hinterkopf behalten, welche Interessen und wessen Interessen sie verfolgen. Das ist nicht immer gleich zu erkennen, aber Nachdenken und Informieren kann helfen. Google ist dafür fantastisch geeignet. Aber nicht so einfach zu benutzen. Die Seite, die beweisen will, dass die Erde eine Scheibe ist, erkennen Sie schnell als Quatsch. Also, immer darauf achten, welche und wessen Interessen... aber das habe ich schon gesagt.

Wissen Sie, was ein 'lame duck' ist? Barack Obama war einer, als er wusste, dass er bald nicht mehr Präsident ist. Oder Angela Merkel ist eine. Lame ducks haben keine Eigeninteressen mehr, höchstens die, auch nach dem Ende gut dazustehen. Also sagen und machen sie das Bestmögliche für die Welt. Auf die zu hören kann richtig gut sein. Helmut Schmidt war viele Jahre ein weiser Ratgeber. Nur haben die, die noch etwas werden wollten, ihn nur zitiert, wenn es ihren Interessen nützte.

Der weitsichtige Anführer, der Gesetze und Regeln erlässt und sie auch durchsetzt, ist keine Lösung. Der kann nämlich die Welt auch nicht verstehen und vorhersagen.

Speziell das sollten gerade wir ohnehin lassen.

Auch das Einigeln auf eine kleine, überschaubare Menge, die Verfechter nennen das Nationalität, funktoniert nicht und hat auch noch nie funktioniert. Das Ergebnis waren immer nur Kriege.

In unserem Land hat man sich von den Anführern bisher distanziert. Man lässt alles den 'Markt' richten und greift nur ein, wo es offensichtlich nötig erscheint.

Meiner Meinung ist das grundsätzlich nicht verkehrt. Die Sache hat nur einen Haken: Macht, auch die Marktmacht hat eine Sogwirkung. Sie zieht Konkurrenten an, 'integriert' sie oder besser verschluckt sie, und heraus kommt eine noch stärkere Macht. Irgendwann gibt es nur noch einen Dominator, der Produkte und Preise bestimmt und das Desaster ist wieder perfekt. Da wäre es doch besser, man hat wieder einen weisen Anführer und gibt ihm alle Macht. Hier schließt sich der Kreis und alles geht von vorne los.

Beispiele gefällig? Ein einziger Konzern bestimmt heute über fast alle Mineralwasservorräte und setzt sie ausschließlich zur Erhöhung des Profits ein. Volkswagen wurde durch Einverleiben von Audi, Porsche, Seat und Skoda zum mächtigsten Autokonzern der Welt. BMW und Mercedes halten noch dagegen, verbinden sich aber immer mehr. Zusammen mit der hoch konzentrierten Mineralölindustrie haben sie jahrzehntelang die Entwicklung von Antrieben mit regenerativer Energie verzögert. Schon in den 80er Jahren gab es funktionierende Brennstoffzellenantriebe. Sogar ein Airbus flog damit schon.

Und? Was nützt mir diese großartige Erkenntnis? Als einzelner kann ich doch nichts tun.

Doch, können sie.

Jedenfalls, so lange sich die Demokratie noch nicht ganz demokratisch selbst abgeschafft hat.

Meine Vorschläge:

Zu erst einmal: Sie bestimmen, was Sie tun und was sie kaufen. Das ist bei uns anders als in totalitären Systemen.

Die alles entscheidende Frage ist, ob sie das Richtige für sich wollen oder das Richtige für die Leute, die Macht über Sie wollen.

Im 'Dritten Reich' wurden Sie konditioniert nach dem Willen des einzigen Führers. Einfache Vorgaben, einfach zu befolgen. Es sollte Sie nachdenklich machen, dass die meisten Menschen es auch gar nicht anders wollten.

Heute gibt es das nicht mehr? Leider doch, nur subtiler. Hitchcock hat nach dem Krieg spannende Filme gedreht, die allen Deutschen zwangsvorgeführt wurden. Der Erfolg war riesig: Jeans und Coca Cola wurden zum einzig wahren Lebensinhalt (Marlboro nicht zu vergessen).

Der Markt richtet alles. Richtig, tut er. Zum Vorteil derjenigen, die die Marktmacht haben. Verhalten steuern unter dem Deckmantel von persönlicher Freiheit und Spaß. Das ist viel erfolgreicher bei der Konditionierung als Dekrete und Strafen. Das wäre gar nicht so schlecht, wenn nicht...

Durch das Einprägen von Vorbildern wird Verhalten auf Konsum konditioniert: Die Geißens, GNTM, Shopping queen und wie der ganze Schrott heißt. Merken Sie es? Durchschnittlichkeit wird zum Vorbild. Nicht der herausragende Mensch, der Großes tut, sondern die Leute wie du und ich, die das tun, was man tut, nämlich konsumieren.

Meine Generation hatte Einstein, Willi Brandt oder Jimi Hendrix zum Vorbild. Sie sagten alle: Seid friedlich miteinander und lebt, wie ihr es euch wünscht, ohne den anderen dabei zu stören, es nach seinen Wünschen zu gestalten.

Die Vorbilder von heute sind unterbelichtete Dumpfbacken, Nichtskönner mit kurzem Verfallsdatum, die missbraucht werden, den Konsum anzukurbeln.

Eine Alternative zu finden, ist gar nicht so leicht. Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich meine Freiheiten gerade deswegen habe, weil die Wirtschaft gut läuft. Auch Google ist nur deswegen möglich, weil das Geld für den Betrieb ausschließlich aus der Werbung für den Konsum stammt. Dieser Kreislauf ist nicht zu durchbrechen, ohne für uns selbst gewaltigen Schaden anzurichten.

Orientieren wir uns an den wirklich großen Zielen: Die Umwelt zu erhalten, den Krieg abzuschaffen und allen Menschen ein Leben zu ermöglichen, wie wir es bereits haben.

Vieles davon fällt in den Aufgabenbereich der Politik. Wählen wir daher Leute, die diese Ziele verfolgen. Nicht Trump, sondern Menschen wie Macron. Solche Menschen brauchen die Macht. Menschen, die wissen, dass man Drittländer zu Wohlstand führen muß, weil sie dann ihre Zukunft nicht mehr in der unkontrollierbaren Vermehrung suchen werden.

Schieben Sie dumme Werbeversprechen mit immer noch billigeren Angeboten weg. Kaufen Sie, aber kaufen sie bei Unternehmen, die vertrauenswürdig sind, die wissen, dass sich langfristig das wirklich Gute durchsetzt.

Klar haben Sie Ängste. Die Nachrichten geben keinen Anlass, diese weniger werden zu lassen. Vergessen Sie kurz die Angst und anlaysieren Sie ganz nüchtern, was in Ihrer näheren Zukunft schief gehen könnte.

Krankheit und vorzeitiges Ableben können Sie schon einmal ausschließen. Die Medizin ist auf dem besten Stand der Menschheitsgeschichte, zumindest bei uns ist der Tod durch Unfälle, Gewalt oder Krieg so unwahrscheinlich wie bisher noch nie in der Geschichte der Menschheit. Könnte noch besser sein, sagen Sie zurecht. Stimmt. Könnte noch schneller besser werden. Das ist überlegenswert. Wird auch besser, weil viele Menschen mit viel Geld daran arbeiten. Also weg mit dieser Angst. Sie ist natürlich nicht unbegründet, aber noch nie war die Lage so gut.

Der finanzielle Ruin ist die nächste Angst. Diese Angst ist meiner Ansicht nach die am meisten reale. Sein Leben nicht mehr so gestalten zu können, wie man möchte und wie es die Verheißungen der Aufklärung und der 70er Jahre versprochen haben.

Versuchen Sie aber bloß nicht, das derzeitige System radikal zu ändern. Dafür gibt es zwei Gründe: Es ist nicht so furchtbar schlecht, dass eine Revolution die einzige Lösung ist und die Revolution führt erst einmal dazu, dass sie so gut wie alles Erreichte verlieren.

Steuern Sie lieber selbst beharrlich gegen falsche Entwicklungen, die sie erkennen und vor allem spüren.


Die meisten Menschen, die ich kenne, nehmen technische Errungenschaften entgegen, probieren sie aus und freuen sich über die Abwechslung oder finden sie recht praktisch. Wenn man erwähnt, wie großartig und komplex so eine Neuerung ist und was sie alles bewirken könnte, dann nehmen sie das ziemlich gelangweilt zur Kenntnis. Ich muß mal wieder Einstein bemühen:

''Schämen sollten sich die Menschen, die sich gedankenlos der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen und nicht mehr davon geistig erfasst haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frißt.''

Hat er recht mit dem Schämen? Ich denke schon. Denn ohne Staunen und Respekt und ohne kritisches Hinterfragen wird man schnell und einfach zum willenlosen Herdenvieh. Noch einmal der von mir bewunderte Einstein, ein Mensch der deutlich unterschieden hat zwischen Denkgewohnheiten und Denknotwendigkeiten:

''Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde zu sein, muß man vor allem ein Schaf sein.''


Die neue Welt, die wir in den letzten wenigen Jahren der Millionen Jahre alten Menschheitsgeschichte geschaffen haben, ist gar nicht so schlecht: Wir haben es geschafft zu wissen, dass Frauen und Männer vor allem individuelle Wesen sind, die sich nach ihren Eigenschaften entwickeln sollen. Wir haben es geschafft zu wissen, dass Menschen mit anderen Vorstellungen und Vorlieben zwar anders, aber nicht schlechter sind. Wir haben erkannt, dass Religion zu Machtzwecken missbraucht wird und sie aus dem Geschäft des Regierens verbannt. Wir haben gelernt, dass die Fähigkeit, ein Volk anzuführen, nicht vererbt wird. Außerdem wissen wir nach langer, böser Erfahrung, was der einzige sinnvolle Zweck des Anführens ist: Nützliche Dinge umsetzen, die ein einzelner nicht bewältigen kann und dafür zu sorgen, dass die Menschen sicher und nach ihren Wünschen leben können. Manche haben schon richtig erkannt, dass das Wort 'Volk' keine Gott gegebene und von ihm erschaffene Eigenschaft ist, sondern einem dauernden Wandel unterzogen ist. Länger als das 'deutsche' Volk gab es das 'europäische' Volk, über zweitausend Jahre nämlich.

Wir haben Techniken entwickelt, die diese neuartige Lebensform tatkräftig unterstützen.
Mit Google kann ich unmittelbar finden und nachlesen, was mich interessiert. Mit Google Earth mittlerweile die ganze Welt am Schreibtisch in 3D sehen, mit deepL mich mit anders Sprechenden verständlich machen, mit dem Smartphone habe ich nicht nur ein praktisches Telefon, egal, wo ich bin, sondern auch einen ziemlich guten Photoapparat - die Bilder sind sofort gesichert in meiner Cloud, ich kann sie unmittelbar an meine Freunde senden, Maps führt mich locker und leicht wohin ich will, sagt mir, wann ich ankommen werde und warnt sogar vor Staus, das GPS teilt mir immer mit, wo ich mich gerade befinde, die Wettervorhersage wird immer besser, die Webcams sind phantastisch: Ich weiß genau, wie es da ist, wo ich hin will. Ich könnte Filme machen und sofort ansehen. Ich brauche keine große und unvollständige Plattensammlung (was auch ein bisschen schade ist). Sogar bezahlen kann ich mit dem Handy, wenn ich das wollte oder eine Fahrt buchen oder mein Auto aufsperren. Und reden kann ich mit den Geräten auch noch. Das ist einfacher, als komische Knöpfe zu drücken. Dass mir diese Geräte auch noch Ratschläge erteilen, zeugt zwar von stupender (= verblüffend, erstaunlich, nicht zu verwechseln mit stupid) Technik, aber ist nicht nach meinem Geschmack. So what, ich kümmere micht nicht darum.

All das hat das Leben eindeutig verbessert. Insbesondere macht es uns immer unabhängiger vom Ort und spart Zeit - potentiell.

Und was machen wir mit diesen wunderbaren Dingen? Wir, die das selbst erfunden haben mit einem Gehirn, dessen Verhalten aus einer anderen Zeit stammt?

Wir missbrauchen sie. Zum Gewinnen und Erhalten von Macht und zum Zeitvertreib.

Beides hängt zusammmen. 'Brot und Spiele' für das Volk. Dann ist es satt und beschäftigt und macht keine Revolution. Und wenn das Volk auch noch kauft, was das Zeug hält, dann festigt das auch noch die Macht. Die heutigen Werkzeuge dazu sind aber auch zu schön.

Wirklich selbst zu entscheiden, wie man leben will, erfordert das Erkennen der Macht, die unsere Konditionierung über uns hat.

In Diktaturen geschieht die Konditionierung mit Gewalt von Kindesbeinen an, bei uns mit Hilfe der allgegenwärtigen Werbung. Das Erziehungsmittel ist anders und angenehmer. Sie kennen sie wohl nicht mehr, die amerikanischen Umerziehungsfilme, die von keinem Geringeren als Alfred Hitchcock gedreht wurden. Sie haben unsere Väter und Mütter nach den Mühen des Krieges begeistert: Das wahre Leben ist easy, vor allem mit Coca Cola und Blue Jeans. Das macht diese Form der Konditionierung aber gefährlicher.

Zumal sich mit den immer großartigeren Techniken auch noch Methoden einschleichen, den Erfolg der Konditionierung zu überwachen. Ja, richtig gelesen: Das Wort scheint aus einer fernen, finsteren Zeit zu stammen. Bei den Chinesen ist es schon ganz schlimm mit ihrem persönlichen Punktesystem, bei uns geht es erst einmal nur um die Anpassung von Versicherungsprämien. Menschen mit Wohlverhalten sollen ja nicht für die Verderbtheit von undisziplinierten Zeitgenossen mitbezahlen müssen. Das versteht doch jeder.

Glauben sie alles nicht? Vergleichen Sie doch einmal die Werbung im weitesten Sinne mit Ihrem eigenen Erscheinungsbild. Sollten Sie kein Vorbild finden, dann gehören Sie zu einer seltenen Spezies.

Wir lassen uns verblöden. Aus Haarshampoon wird eine Lebensphilosophie, Quizsendungen verwechseln wir mit Bildung. Dass das Konditionieren perfekt funktioniert, beweisen unter anderem die weiblichen, jungen Menschen. Sie wollen emanzipiert und als gleichartig anerkannt werden und das ist mehr als wichtig. Aber was machen sie? Sie kleiden, schminken und geben sich, wie die völlig verblödeten Tussies aus Shopping queen (Shopping ist der Sinn des Lebens) oder Germany's next top model und schlüpfen damit in die Rolle des von ebenso dummen wie testosterongetriebenen Männern begehrten Beischlafobjekts, die wiederum etwas nachäffen, was nicht erwähnenswert wäre.

Bitte nicht falsch verstehen: Ein schöner Körper in einer vorteilhaften Gewandung (outfit genannt) ist durchaus etwas sehr Erfreuliches und kann Stärke und Selbstbewußtsein ausdrücken. Aber beides muß auch vorhanden sein.

Sind sie sicher, dass sie nicht darauf hereinfallen, wenn die selben Mittel der Konditionierung sie in eine bestimmte Richtung drängen? Der Extremsport mag als Beispiel dienen: In einer meist sicheren und daher auch langweiligen Lebenslage drängt sich der Wunsch auf, etwas besonderes zu tun, sich auszutesten. Das ist in unserem ererbten Genom auch vorhanden: Das besondere Wohlgefühl nach bestandener Mühe und Gefahr, nach einem Sieg.

Was geschieht mit Ihnen, wenn nun mit den selben Mitteln ein Feind ihres sicheren Lebens aufgezeigt wird? Ein Feind, der Sie und Ihre Liebsten bedroht? Ganz egal, ob es sachlich fundiert ist, es wirkt. Ihre Bereitschaft zur Aggression steigt gewaltig an. Hier schließt sich der Kreis: Das ist genau das Mittel, mit dem man die Menschen ganzer Völker dazu gebracht hat, ihr Leben dafür einzusetzen und alle Mühen auf sich zu nehmen, um andere umzubringen. Klingt übertrieben? Ist es nicht. Wir Menschen sind so.

Selbstbewußtsein erreicht man nicht durch das Mantra: Du kannst alles erreichen, du bist die/der Größte. Selbstbewußtsein kommt von selbst, wenn man sich Ziele setzt und sie mit Ausdauer und Hartnäckigkeit verfolgt.

Substanzloses Selbstbewußtsein erzeugt ein unangebrachtes Überlegenheitsgefühl.

Das macht diese Menschen unangenehm. Man kann sie erkennen an ihrer Unhöflichkeit und ihrer Unfreundlichkeit, bei vielen auch an der angemaßten Belehrung anderer. Und daran, dass sie alles schon wissen und sich über nichts wundern können. Wundern und Staunen sind uncool. Wissenslücken würden ja sein eigenes, auf tönernen Füssen aufgebautes Selbstbild zerstören.

Als ich einmal jemandem (einem 'Freund') die 3D - Innenstadt von München zeigte und mich darüber ausließ, dass es eine unglaubliche Leistung des Menschen sei, so etwas virtuell zu erzeugen, schaute er mich nur verständnislos an und meinte, er kenne das schon, nichts Neues, na und?

Damit bin ich beim Punkt: Was mich unheimlich ärgert neben der zu großen Menschenmasse, ist deren mangelndes Staunen und der fehlende Respekt vor anderen Leistungen und anderen Menschen und Lebwesen.

Um das zu durchschauen und dagegen zu steuern, muß man viel mehr wissen als heutzutage üblich ist. Man nennt das Bildung. Bildung vermehrt man übrigens nicht durch Zeitverschwendung mit dem gezielt hinterhältigen Schwachsinn (Bauer sucht Frau, der Bachelor, Ich bin ein Star....). Die Macher nennen des bedarfsorientiert. Das Gegenteil ist der Fall: Sie erzeugen den Bedarf mit nur einer Absicht: Konsum, Konsum, Konsum.

Nachdenken hilft. Sie haben dafür ein ziemlich gut funktionierendes Organ. Wenn sie schon fernsehen wollen, dann drücken Sie doch mal auf das Knöpfchen und wechseln von SAT1, PRO7, RTL, Kabel oder von YouTube - Influencern auf PHOENIX, ZDF Info oder Arte. 'Eine Doku auf Arte ansehen' ist keineswegs ein Synonym für - gähn - laaaangweiliges Spießertum. Und sehen Sie sich das aufmerksam an und denken daran: Auch eine Doku kann als Mittel der Konditionierung verwendet werden.

Wissen Sie, was das Dumme dabei ist: Diesen Text werden nur Menschen lesen, die ohnehin schon meiner Meinung sind.