Roman Mitterfirmiansreut

Frisch erschienen im Juli 2021



ISBN 978-3-754140-20-8 als eBook und ISBN 978-3-754140-57-4 als Softcover


Es ist so: Die Lust auf einen alten Bauernhof habe ich schon vor dem diesbezüglichen Boom gehabt. Aussteigen, um das komfortable Leben zu verlassen, ist mir aber nie in den Sinn gekommen. Zweitens ist es so, dass mich der Bayrische Wald begeistert, wie leider jetzt viele auch. Ich bin aber in der Nähe aufgewachsen und ich kenne die Leute und die spezielle Mentalität. Die Sprache auch. So dachte ich mir, das kann man doch einmal fiktiv durchspielen, indem man ein Buch darüber schreibt. Im Roman ist alles möglich. Das macht das Schreiben so faszinierend.

Aber das Leben, das ich mir vorstellen würde, wäre so gar nicht aufregend. Also musste ein Krimi daraus werden. Ein zu der Gegend und den Menschen passender Krimi. Das ist das Ergebnis. Viel Spaß und Reiselust (Wanderlust in dem Fall).


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Leseprobe:


Eins

Werner konnte sich am Signalton erfreuen. Treffer. Die Gegenstelle gab es wirklich. Er versenkte sich ins Grübeln darüber, dass er noch nie begriffen hatte, wie das funktionierte. Ein Rascheln. Dann hörte er etwas, was so klang:
  „I waars.“
 Stille.
„Ich würde gerne mit Herrn Loibl sprechen.“
„Ha?“
„Mit Herrn Loibl.“
„I waars. Aba mia gengand itz. Wos mechats?“
„Ist da Herr Loibl?“
„Wannst oiwei desoibe schmatzsd, nochad häng i glei wieda auf.“
„Ich verstehe nicht.“
„A wennsd des oiwai hean dadsd, dadsd das eh ned vasteh, hosd mi. Pfiad di.“
  Klack. Stille.

  Hier muss eine Bemerkung eingefügt werden. Waidlerdialekt lässt sich nicht Wort für Wort übersetzen. Er wird in der Gegend zur verbalen Kommunikation verwendet, die man hochnäsig 'hinterwäldlerisch' nennt. Dieses abschätzige Wort wird mittlerweile global genutzt. Es stammt aber – nicht ohne Grund – aus der Gegend, die offiziell Bayerischer Wald heißt. Also dort, wo lange Zeit kaum Fremdes anzutreffen war. Weil das Leben dort nicht ganz komfortabel ist. Mittlerweile ist die wilde Natur jedoch erschlossen für den Tourismus. Die Bauern geben auf, weil sie an der modernen Zivilisation Gefallen gefunden haben. Ihre Höfe mit den riesigen Grundstücken sind Opfer von Leuten, die sich, der Luxuswelt überdrüssig, mit Kräutern und dem lieben Vieh selbst verwirklichen wollen. Weil Sie das Buch ganz sicher gleich voll des Unverstehens weglegen müssten, außer, se sand vo do (ungefähr wie 'sie sind da geboren'), werde ich die Reden der Einheimischen im folgenden hochdeutsch wiedergeben – so weit das möglich ist.

 Also, noch einmal von vorne:

Das Telefon…

„Ich wäre es.“ Das ist die wörtliche Übersetzung. Das heißt so etwas wie 'Hallo?'.

Stille.

„Ich würde gerne mit Herrn Loibl sprechen.“

„Ha?“ Übersetzung: „Wie bitte? Wen wollen sie denn gerne sprechen?“

„Mit Herrn Loibl.“

„Ich wäre es (diesmal: 'Ich bin es'). Aber ich muss jetzt leider gehen. Was wollen sie überhaupt?“

„Ist da Herr Loibl?“

„Wenn sie immer dasselbe sagen, hänge ich gleich wieder auf.“

„Ich verstehe nicht.“

„Auch wenn Sie das immer wieder hören, werden sie es nicht verstehen. Machen Sie's gut.“

 

Werner war nicht zufrieden. Herr Loibl wäre wichtig gewesen. Aber übers Telefon? Auch SMS oder What's App erschien nicht vielversprechend. Könnte ja sein, dass Mitterfirmiansreut zu den Gemeinden zählt, in denen die Leute glauben, dass Funkwellen alles Leben vernichten. Wie in Graswang, kurz vor Schloss Linderhof. Könnte ja sein.

Also hinfahren. Sehr altmodisch. Kontaktaufnahme durch materielle Anwesenheit in physikalisch unmittelbarer Reichweite zur Zielperson.

 

 

„Hallo Oskar. Wo bist Du? Ich müsste Dich sprechen.“

„Tust du doch schon.“

„Nein, richtig.“

„Das ist richtiges Sprechen.“

„Ich meine von Angesicht zu Angesicht.“

„Bist du verliebt?“

„Nein. Ja. Vielleicht. Ich weiß nicht. Was hat das damit zu tun?“

„Weil du dich nach meinem Anblick sehnst.“

„Idiot. Es ist ernst. Wo bist du?“

„Ich fleze gemütlich in einem Liegestuhl am Strand bei einer Bloody Mary und höre dem Rauschen der Wellen zu.“

„Scheiße. Ich dachte, ich könnte dich sprechen.“

„Dann komm halt vorbei.“

„Scherzbold. Wieso bist du eigentlich weg?“

„Ich gehe da oft hin mittags.“

„Hä?“

„Undosa, du Depp.“

„Ach so. Wie schrecklich.“

„Komm einfach und stör' mich nicht in meiner verdienten Beschaulichkeit.“

„Okay. 5 Minuten. Bestell mir einen Kaffee.“

„Macchiato, Lungo, Capuccino, Espresso, caffé latte, café au lait, Mokka, kleiner Schwarzer, Melange, Kapuziner, Brauner, Einspänner, Verlängerter, french press, american press, cold press, dip, full immersion, pour over oder was?“

„Ich glaub', ich spinne. Kaffee. Ein Kännchen Kaffee.“

„Meine Güte. Ich frag' mal, ob die so etwas Altmodisches haben.“

 

 

„Probier doch mal die Bloody Mary.“ Oskar bot Werner sein Glas an.

Das ist altmodisch. Ich habe gehört, jetzt trinkt man Hugo.“ Werner schüttete Sahne in seine Tasse. „Mmm. Der Kaffee ist aber ausgezeichnet.“ Er legte sich zurück und schloss die Augen.

„Die haben ja auch einen preisgekrönten Barista.“

„Sag bloß.“

„Was willst Du eigentlich? Ich habe einen Termin.“

„Man sieht es. Wann und wo?“

„Geht dich einen Scheißdreck an.“

„Woher kommt eigentlich dieser feine Sand? Vom See wohl nicht?“ Werner ließ die feinen Körner durch die Finger rieseln.

„Nein. Natürlich nicht vom See. Die Schlösser- und Seenverwaltung hat's nach etlichen Gutachten vom Bund Naturschutz und jahrelangem Hin und Her dem Betreiber des Undosa genehmigt. Da hat ein Anwalt viel verdient. Leider war ich das nicht. Das Ufer gehört nämlich uns, dem Staat, wenn du das verstehst.“

„Tu ich nicht. Teurer Sand. Nicht aus unserem Land, oder?“

„Nein. Nicht von hier. Komm zur Sache. Oder ich trinke noch eine Bloody Mary, aber auf deine Kosten. Kannst du aber nicht vom Honorar abziehen.“

„Alkohol ist Gift. Zigarette?“

„Hier ist Rauchverbot, Mann. Was treibt dich in die schützenden Arme des geplagten Anwalts für dein persönliches Gerechtigkeitswohlempfinden?“

„Also der Loibl. Du erinnerst dich? Der mir den Bauernhof verkaufen will.“

„Ich mache ja nichts mehr anderes.“

„Der ist nicht zu erreichen.“

„Kein Wunder. Im nordischen Urwald geht man schon mal verloren.“

„Ich glaube, ich muss da mal selber hinfahren. Hast du den Vertrag fertig?“

„Der hat ihn schon.“

„Und kann ihn bestimmt nicht lesen und schon gar nicht verstehen.“

„Der unterschreibt doch nicht ohne Rechtsauskunft. Die sind ja nicht blöd da.“

„Sind die nicht? Nun gut, ich rechne besser nicht damit. Ich will da ja leben und ich will jetzt das Haus.“

„Und 30.000 Quadratmeter Grund dazu. Für 180.000 Euro. Würde hier etwa 25 Millionen kosten. Ist dir schon klar, oder?“

„39.562 Quadratmeter. Das ist Marktwirtschaft. Das verstehst du nicht. Für den ist es ein Haufen Geld. Und für mich ist es der Tausch einer Zweizimmerwohnung mit einem Anwesen, das vier Gebäude hat. Verrückt, oder?“

„Was machst du eigentlich mit dem ganzen Geld? Deine Wohnung hat doch viel mehr gebracht.“

„Ein bisschen Renovierung wird schon nötig sein. Man will ja nicht ganz auf die Zivilisation verzichten.“

„Und was willst du da bloß? Da gibt es niemanden außer Wölfen, Schakalen, Schlangen, Bären und Pumas.“

„Pumas nicht. Kannst jederzeit bei mir wohnen.“

„Igitt. Mittelwaldräude. Das Letzte.“

„Es heißt Mitterfirmiansreut und den Ort gibt es wirklich.“

„Ist ja gut, Alter.“

„Kommst du mit?“

„Nö.“

„Nach St. Tropez würdest du mitkommen.“

„Klar. Ist allerdings auch nicht mehr das, was es mal war. Nur noch exhibitionistische Schicki – Mickis und Schwärme von Proleten, ausgespuckt von den Kreuzfahrtschiffen, die die Promenade verstopfen und die Schicki – Mickis begaffen. Im Senequier findest du keinen Platz mehr, obwohl der Cappuccino 8 Euro kostet.“

„Beinahe wie hier.“

„Keine Kreuzfahrtschiffe.“

„Aber S-Bahn und Bus.“

„Fortbewegungsmittel für Proleten. Früher haben solche ordentlich arbeiten müssen und keine Zeit gehabt für etwas, was sie sowieso nicht verstehen.“

„Genug geplappert. Kommst du jetzt mit.“

„Nö.“

„Allein in der Wildnis. Da fürchte ich mich.“

„Nimm doch Claudia mit.“

„Die fürchtet sich auch.“

„Die wandert also nicht aus mit dir?“

„Tut sie wohl nicht.“

„Flucht vor Claudia?“

„Quatsch. Ich wollte schon immer einen Bauernhof. Das hat sie nie verstanden. Verstanden schon, aber für eine vorübergehende kindische Schwärmerei gehalten. Nur hier kosten Bauernhöfe 10 Millionen. So viel hab' ich nicht.“

„Lage. Lage. Lage.“

„Dort ist die Lage perfekt für ein vernünftiges Leben.“

„Hundert Meter vor dem Eisernen Vorhang. Dahinter noch mehr Urwald, 15.000 Kilometer und hässliche, grausame Gestalten aus Sibirien und der Mongolei. Und die wollen alle zu uns. Hatten wir schon mal. Attila, du erinnerst dich?“

„Tschechien ist EU. Polier' mal deine Kenntnisse auf.“

„Deswegen sind die Menschen auch nicht anders geworden. Sie können uns jetzt nur leichter überfallen.“

„Der Bayerische Wald heißt eigentlich Böhmerwald und ein Teil davon ist in Tschechien und in Österreich. Er bildet ein einmaliges, zusammenhängendes Naturreservat. Jetzt. Und außerdem ist er ein uraltes Mittelgebirge.“

„Brav gelernt. Geht da Handy?“

„Ja. Geht. Weiß ich noch vom letzten kurzen Skiurlaub.“

„Langlaufen.“

„Nein. Richtig. Schön da.“

„Du lügst.“

„Schluss jetzt. Ich kann dich anrufen, wenn ich verloren gehe?“

„Wenn's sein muss.“

„Servus, Kameradenschwein.“

„Faules Kameradenschwein. Ich geh' doch nicht freiwillig in die Einöde. Außerdem habe ich keinen Geländewagen.“

„SUV ist kein Geländewagen?“

„Mein Gott bist du naiv. Meiner hat nur Frontantrieb.“

„Ach so. Stadtgeländewagen. Zur Angeberei.“

„Mathilde wollte so etwas.“

„Klar. Mehr Sicherheit für das edle Kind beim In-die- Schule-bringen und zum Reiten wieder abholen. Und dann Tennis. Nicht zu schaffen ohne SUV. Der Friseurtermin ist ja noch dazwischen.“

„Beleidige Mathilde nicht. Außerdem haben wir kein Kind.“

 

 

Links rum um München, die Staus erträglich. Autobahn Deggendorf. Ah, Landshut. Burg Trausnitz. Schöne Stadt. Sieht man aber nicht von der Straße aus. Atommeiler. Isar 1 wird schon zurückgebaut, Isar 2 bald auch. Aussterbende Technik. Hat nicht lange gelebt. Ziemlich umweltfreundlich. Ach so, der Restmüll. Blöd. Claudia habe ich gar nichts gesagt. Die war ja auch nicht da. Am Genfer See oder Gardasee? Keine Ahnung. Ist auch nicht wichtig. Überhaupt, Claudia. Sieht schon gut aus. Mehr so durchgestyltes Schicki – Micki. Nicht meine Welt. Keine Liebe. Nur die heiße Braut zum Angeben. Der Sex ist nicht besonders. Shopping, Body shaping und Partying ist ihr wichtiger.

Ende der Leseprobe