Roman Fortschritt



ISBN 978-3-8442-9035-6


Ein Thriller über die Macht der Überwachungsindustrie

Dr. Curd Hofmann und sein anarchischer Partner Dave, beide sympathische und hochqualifizierte Informatiker, sind davon überzeugt, mit neuer Technologie die Menschheit endgültig vor Verbrechen und Terrorismus zu schützen. Ihnen ist nicht bewusst, welche Möglichkeiten sie damit Regierungen, Wirtschaft und zwielichtigen Organisationen eröffnen. Das Vertrauen in die Technik lässt zwangsläufig alles aus den Fugen geraten und sie zwischen die Fronten. Am Ende sind sie trotz allen guten Willens und aller Anstrengungen die Geschlagenen, für die es nur eine einzige sinnvolle Lösung gibt. In seinem zweiten Roman macht der Autor von „Das schmale Fenster“ den Zustand deutlich, in den uns die bewundernswürdigen neuen Technologien geführt haben. Hat das 20.Jahrhundert uns in Europa große Fortschritte gebracht, wie die Überwindung der Kriege, den Siegeszug der Computer in die Arbeitswelt, die Satelliten, das GPS oder die Gleichberechtigung der Geschlechter, so sind die Ergebnisse des 21. Jahrhundert bisher doch recht ambivalent: Google, Facebook, Smartphone und Co eröffnen einerseits den Zugang zu grenzenlosem Wissen und zu freiem, globalen Informationsaustausch, andererseits dienen sie in einem bisher ungeahnten Ausmaß als Machtinstrument einer Gesellschaft, die die jahrtausendealten Verhaltensweisen von Herrschen und Beherrscht Werden unverändert beibehalten hat. Die hier thematisierte gait recognition, also die Erkennung einer Person am Gang ist eine reale Technik, die von Amerikanern, Engländern und Chinesen schon sehr weit vorangetrieben wurde. Sie steht aber nur beispielhaft für eine Vielzahl geplanter Projekte. Denkt man an deren unzweifelhafte Realisierung, so ist der Roman wahrscheinlich jetzt schon von der Realität weit überholt. Wie bei der Atombombe gilt der Satz: „Was gemacht werden kann, wird auch gemacht.“ Die Entwicklungen aufhalten zu wollen ist Träumerei. So lange wir die alten Denkschemata und Strukturen nicht verlassen, werden sie missbraucht werden.


"Es sieht fast so aus, als ob die Wirklichkeit die schlimmsten Befürchtungen schon überholt hat. Kaum auszudenken, wenn diese Möglichkeiten einer undemokratischen Macht zur Verfügung stünden."

"Spannend und lustig geschrieben. Aber irgendwie bleibt einem das Lachen in der Kehle stecken."

"Beruhigend, dass diese oder ähnliche Methoden noch nicht zum Einsatz kommen. Heut geht alles über die elektronische Kommunikation. Läßt man sie weg, ist man sicher. Jetzt verstehe ich auch, warum sie uns immer mehr dazu bringen und auch noch das Bergeld abschaffen wollen."


Leseprobe:


Eins

Curd, eigentlich hieß er Kurt, aber 'Curd' fand er angesagter, schritt in seinem grüngrau schimmernden Bossanzug über einem weißen T-Shirt mit den luftgefederten, orangen Nike Sneakers zum Aufzug, das weiße iPhone von der linken Hand umklammert, von dem ein weißes Kabel zum Ohr führte und das iPad unter den rechten Arm geklemmt, damit der Zeigefinger für den Knopf nach oben frei war. Der Lift war für jedermann und brachte ihn daher nur bis zum sechsten Stockwerk. Für die wirklich wichtigen Leute gab es auch einen Aufzug, der bis ganz nach oben an den fünf niederen Stockwerken vorbeiglitt. Aber den durfte Curd nicht benutzen, noch nicht. Das 'noch' war ein wesentlicher Teil seiner täglichen Motivation. Vorerst musste er umsteigen, weil er noch zwei Hierarchiestufen zu überwinden hatte. Der Security Service, die Bezeichnung war ein Statussymbol und klang einfach besser als Wachmann, ließ Curd erst ganz nach oben, nachdem auf einem Bildschirm sein Name, seine Id und der vorher angemeldete Grund seines Besuchs erschienen waren.

Im riesigen Vorzimmer, beherrscht von unauffällig emsiger und teuer gestylter Weiblichkeit - das einzige männliche Wesen fiel in seinem hübschen Outfit nicht weiter auf - wurde er ungeduldig in den Bürosaal des Entwicklungsvorstands durchgewunken. Direkt darüber befand sich die Suite des Vorstandsvorsitzenden. Und darüber nur noch der Himmel. Es war nicht üblich, dass die Entwicklung gleich unter dem Vorstandsvorsitzenden regieren durfte. Im Normalfall befand sich auf diesem bevorzugten Platz der CFO, der 'Chief Financial Officer' und unbarmherzige Hüter und Vermehrer des Geldes. Die meisten modernen Manager hielten den CFO für die wichtigste Person eines Unternehmens. Deswegen studierten auch die ehrgeizigen jungen Leute am liebsten 'Financial and Business Management'. Das versprach eine schnelle und mühelose Karriere ohne den Ballast irgendeines technischen Spezialwissens. Früher hießen solche Menschen Kaufmann und mussten dafür nicht studieren. Wirtschaftswissenschaften oder vielmehr Business Sciences hatten den Berufszweig auch nach außen veredelt. Curd hatte die eher veraltete Anschauung, dass ohne Produkte der Kaufmann nichts Sinnvolles machen könne. Notwendige Bedingung, um die verantwortungsvolle und ein langes, wissenschaftliches Studium erforderliche Aufgabe des Geldzählens durchführen zu können, war doch, dass es Geld zum Zählen gab. Wahrscheinlich hatte er das System aber immer noch nicht richtig verstanden.

Die augenblicklich ungewöhnliche Wertschätzung des reinen Kostenfaktors 'Forschung und Entwicklung' deutete darauf hin, dass Curds Konzern gerade kein 'cash cow' - Produkt hatte, also nicht viel verdiente. Trotz immenser Rücklagen, über die das Unternehmen verfügte, wurde man im Bereich Controlling und Finanzen angesichts der Personalkosten zunehmend unruhig. Sogar über Transfers zu Zeitarbeitsunternehmen wurde nachgedacht, um die wichtigen Leute dann wesentlich günstiger beschäftigen zu können. Eigentlich war hier ein solches Vorgehen tabu, aber die veralteten Denkweisen gingen mit ihren Menschen immer mehr in den Ruhestand. Dass Kosten senken allein ohnehin nichts brachte, wussten sie vielleicht. Aber sie verfügten ja über keine anderen Fähigkeiten und so war ihre Kreativität auf das Erfinden von Einsparpotentialen beschränkt.

Ein langer Marsch über schallschluckenden, edlen Flor bis zu dem in weiter Ferne sichtbaren runden Besprechungstisch, brachte Curd zur korrekten Position für seinen Auftritt. Neben dem Entwicklungsvorstand saß dessen Assistent, einer dieser bedauernswerten Menschen, die das dreijährige 7/24 – Dasein als ständiger Schatten des großen Meisters üblicherweise mit irgendeinem sinnlosen Hauptabteilungsleiterposten honoriert bekamen. Ausgelaugt und glatt geschliffen wie ein Flusskiesel machten diese Menschen in der Folge kaum noch von sich reden, schon deswegen, weil sie nie mehr Fehler machten. Curd hatte dennoch Hochachtung vor ihnen. Sie hatten nicht nur gelernt, jeden Fehler zu vermeiden, sie mussten vor allem erst mühsam herausfinden, was ein Fehler war. Dazu benötigten sie ein enormes, geistiges Reaktionsvermögen und die Gabe der Vorhersehung. In keinem Handbuch stand etwas darüber. Aber es gab untrügliche Zeichen für bereits begangene Fehler. Der Schlimmste: Kritik am Chef. Immer wenn der sich zu Erklärungen oder gar einer Verteidigung genötigt sah, war der Assistent schuld. Der Zweitschlimmste: Ungenügende Vorbereitung. Was dazu nötig war, musste der Assistent erahnen. Keiner konnte es ihm sagen, außer dem Chef vielleicht. Aber der sagte es nicht. Schon deshalb, weil er meist selbst nicht wusste, was er zum entscheidenden Zeitpunkt denken würde.

Das bedauernswerte Geschöpf hieß derzeit Karl Franzen, war gerade mal 27 Jahre alt und natürlich Master of Business Sciences. Trotz des lächerlichen Titels fand Curd ihn als Person durchaus sympathisch. War er doch umfassender gebildet, als es seine Eliteschule erwarten ließ. In den kurzen gemeinsamen Zeitlücken, teilte er bei einem Latte macchiato aus dem Automaten in der Lobby seine sarkastischen Anschauungen über den Geschäftsbetrieb. Angesichts der Freiwilligkeit seines Daseins empfand das Curd als eine Form der Schizophrenie und machte kein Hehl daraus. Karl nahm es gelassen. Er wusste, wohin er wollte und unterlag der irrtümlichen Meinung, mit Hilfe des zeitlich überschaubaren Leidens den Weg abkürzen zu können.

Sie nickten sich kurz zu und Curd nickte dann auch noch den anderen Anwesenden zu, die er gar nicht kannte und die keine Zeit für Höflichkeitsfloskeln hatten.

„Fangen sie an, Herr Hofmann“, sagte der Entwicklungsvorstand.

Curd steckte das Projektorkabel in sein Tablet und fing an. Das heißt, er wollte anfangen. Aber der große Schirm blieb weiß.

„Nun machen sie schon.“ Der Vorstand drückte seine berechtigte Ungeduld aus.

Curd spürte Panik aufsteigen und Schweiß im Nacken und drückte alle touch icons, die er erwischen konnte. Nichts geschah.

„Herr Franzen, bitte. Sie stehlen mir meine Lebenszeit.“

Karl ist doch nicht für die Hausmeisterarbeit zuständig, empörte sich Curd. Aber andererseits war er dafür verantwortlich, dass der Vorstand sein Teuerstes, die Zeit, nicht durch Warten vergeudete. Hilfe für den armen, ratlosen Franzen war angesagt. Curd holte sein iPhone heraus, synchronisierte die Präsentation vom iPad und steckte den kleinen Taschenbeamer, den er sich gerade beschafft hatte, auf das iPhone. Jetzt hatte sich seine neueste, private Investition im wirklich harten Einsatz bereits gelohnt. Das Bild war zwar nur so groß wie ein Fernsehschirm, aber er konnte nun anfangen. Der Entwicklungsvorstand ersparte sich ein lobendes Wort.

Seine Präsentationsfolien wurden angestarrt und seine gründlich vorbereiteten, sprachlichen Erklärungen liefen als passendes Hintergrundgeräusch ab. Wenn der Entwicklungsvorstand eine Folie gelesen hatte, winkte er ungeduldig, Curds Lautäußerungen ignorierend, um die nächste zu sehen. Nach zehn Minuten war alles vorbei.

„Ihre Folien müssen noch crisper werden, mehr sexy. Tell it short and simple, wenn sie verstehen, was ich meine.“

Das war der verlässlich wiederkehrende und allen bekannte erste Satz des Professors nach jeder Präsentation.

„Jawohl, Herr Professor Wienand.“

„Was ist mit der Ohrgeometrie? Wer arbeitet an solchen Geräte und was kostet der Spaß?“

Damit hatte sich Curd nicht beschäftigt, weil er diese biometrische Technik für ein Personenüberwachungssystem ungeeignet fand. Schon gar nicht wusste er, ob es solche Geräte schon gab und noch weniger, was sie kosten würden.

„Ich habe die Methode für nicht praktikabel gehalten.“

„Mein Kollege John von GE, den ich letzte Woche in Philadelphia bei einem Sidetalk traf, sieht das aber anders. Und sie wollen doch nicht behaupten, dass sie schlauer sind als John. Immerhin ist er wie ich Vorstand für Research and Development. Er setzt auf Ear Recognition. Das ist besser als finger print und face recognition. An der School of Information Engineering in Beijing“, er sagte Besching mit Betonung auf dem 'e', „forschen Li Yuan, Zhichun Mu und Zhengguang Zu daran. Und das sind Koryphäen. Nach ihrer langen Vorbereitung hätte ich schon erwartet, dass sie die erwähnen.“

„Langhaarige Frisuren sind aber recht ungünstig dafür“, wagte Curd einzuwenden.

„Ich will von ihnen jetzt keine Antwort hören und diskutieren werden wir das hier auch nicht. Sie können darüber nichts wissen, weil sie sich nicht vorbereitet haben. Machen Sie einen neuen Termin aus. Herr Franzen, ich hätte schon erwartet, dass sie das besser managen.“

Da war es wieder. Der Assistent ist schuld. Curd machte noch einen Versuch.

„Es gibt folgende Möglichkeiten. Passive, als da sind Fingerabdruck, Hautwiderstand, Handvenenverlauf, Handgeometrie, Fingergeometrie, Nagelbett, Iris, Retina, Ohrgeometrie, Gesichtsmerkmale, Körpermaße, Körpergeruch, DNA, Lichtreflexion auf der Haut oder EEG und aktive wie Stimme, Lippenbewegung, Mimik, Unterschrift, Tippverhalten, Sitzverhalten oder Gangverhalten. Ich habe die für ihre Eignung auf die Personenüberwachung untersucht und bin wie in meinen Folien erwähnt zu dem Schluss gekommen....“

„Schluss jetzt. Habe ich mich unklar ausgedrückt? Sie sind nicht richtig vorbereitet. Stehlen sie mir nicht weiter meine Lebenszeit. Machen sie mit äh.. Franzen einen Termin aus. Auf Wiedersehen, Herr Hofmann.“

Anscheinend war Wienands Lebenszeit herausragend wertvoll, dachte Curd, sagte aber artig: „Auf Wiedersehen, Herr Prof. Wienand.“

Einer der anderen Anwesenden grinste kaum bemerkbar in sich hinein. Das versöhnte Curd.